Sprengel Hildesheim-Göttingen / Landessuperintendent

Bild: Klosterkirche Sankt Marien Amelungsborn

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Die Farben des Lichtes in Stoff gewebt

Die Nikolaikirche hat zum Nikolaustag neue Paramente erhalten

Grasdorf. „Lasst uns froh und munter sein“, singt die Gemeinde in der Nikolaikirche in Grasdorf. Und dazu hat sie gleich mehrfachen Grund: Es ist schließlich  Nikolaustag, der Namenstag ihrer Kirche. Und diese Kirche hat pünktlich zum Nikolaustag ein lang erwartetes Geschenk erhalten: Die neuen Paramente für Kanzel und Lesepult. Endlich kann sich die Kirche im Jahresverlauf immer passend schmücken. Von den vier Farben Weiß, Rot, Grün und Violett besaß die Gemeinde bisher nämlich nur zwei; oft blieben Lesepult und Kanzel kahl.
Das wollte die Gemeinde schon lange ändern, doch der Weg zur Verwirklichung dieses Wunsches war lang, wie Kirchenvorstand Norbert Priebe im Gottesdienst erläuterte.  Eine Gemeindefahrt zu einer Paramentenwerkstatt in Eisenach im Jahr 2011 befeuerte den Ehrgeiz, die Anschaffung endlich anzugehen. In den Jahren 2011 und 2012 wurde das Kirchgeld beiseitegelegt und beim Gemeindefest ein selbst hergestelltes Kochbuch verkauft, um Geld in die Paramentenkasse zu bekommen. Dann allerdings ließen Renovierungsarbeiten an Pfarrhaus und Kirche den Wunsch zunächst in den Hintergrund treten. Vergessen war er nicht, und mit Unterstützung der Landeskirche Hannovers ließ er sich nun verwirklichen.

In diesem Jahr besuchte der Kirchenvorstand eine Paramentenwerkstatt in Magdeburg. Gudrun Willenbockel, Meisterin der Paramentik, schaute sich die Nikolaikirche an und fertigte passende Entwürfe. In das Design bezog sie ein Gemälde der verstorbenen Grasdorfer Künstlerin Marie Luise Weber ein, das sich der Kirchenvorstand als Vorlage für die Paramente gewünscht hatte. Zwar ließ es sich nicht direkt in den Stoff übertragen, doch die Grundidee des Kerzenlichtes, in dem alle Farben enthalten sind und ineinander fließen, nehmen die Behänge auf.
Das Kanzeltuch ist jetzt ganzjährig zu nutzen, denn es lässt die zarten, pastelligen Farben ineinander übergehen. Die Mitte ist als abstrakte Lichtquelle hell gestaltet, drei Kreise symbolisieren die Dreieinigkeit, von kraftvollen Linien durchkreuzt. Die vier Paramente am Lesepult sind einfarbig gewebt und ebenfalls mit Linien bestickt. Alle sind allerdings doch noch nicht fertig geworden, und so hing zur Enthüllung das weiße Antependium am Lesepult, das für Festtage wie Weihnachten gedacht ist, obwohl zum Advent eigentlich Violett gehört.
Die Farben haben symbolische Bedeutung: Weiß ist das Licht und die Herrlichkeit Gottes, Rot ist Kraft und Wärme, aber auch Feuer und Blut. Violett als Farbe der Dämmerung ist der Trost eines aufgehenden Morgens und Grün die Farbe des Lebens und der Hoffnung.
Der gewebte Stoff der Paramente erinnere die Christen daran, dass sie als Gemeinschaft zusammengehörten, sagte Pastor Peter Michael Wiegandt: „Darin sollen die neuen Paramente uns bestärken.“ Stoffe begleiteten die Menschen von Geburt an – auch Maria wickelt das Jesuskind in der Weihnachtsgeschichte in Windeln. Auch spielten Stoffe in allen Religionen eine Rolle: Die Juden nähmen Kippa und Gebetsschal immer mit auf Reisen, die Muslime ihren Gebetsteppich. Die Christen finden die Paramente in ihren Kirchen.
Pastor Wiegandt lenkte den Blick der Gemeinde auf ein weiteres, kleines Stück Stoff, das den Schmuck der Kirche vervollständigt hat: Die Christusfigur hoch oben auf dem Altar hält nicht länger eine leere Lanze in der Hand. Daran hängt jetzt wieder – von Therese Grassmüller gestickt – eine kleine Fahne mit einem roten Kreuz als Zeichen, dass der Tod nicht den Sieg davonträgt. Wiebke Barth

Bild: Barth

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Eine Kirche von Jugendlichen für Jugendliche

Anne Schraders Fazit nach 100 Tagen als Jugendpastorin in Einbeck

 Anne Gerda Schrader sitzt in ihrem Besprechungsraum neben dem Amtszimmer. Die 120 Quadratmeterwohnung in einer alten Einbecker Stadtvilla ist halb Amtssitz, halb Privatwohnung. Dalmatiner Toni, der fest zu ihrem Leben gehört, ist ausnahmsweise in der Hundekita. Anne Schrader erzählt, dass sie gerne Linkin Park hört und spricht über moderne Formen der Gottesdienstgestaltung. Denn sie ist seit September die erste Jugendkirchenpastorin in Einbeck. Ihr Fazit nach 100 Tagen im Amt? „Sie sind vergangen wie im Fluge“, erklärt die 36-Jährige lächelnd.

Gerade kommt sie von einem Konficamp im Harz zurück, an dem 100 Jugendliche teilnahmen. „Selbstbestimmtes Gestalten steht im Vordergrund – das macht wirklich Spaß“, fügt die Pastorin lächelnd hinzu. „Mit den Jugendlichen gemeinsam ihren Glauben zu entdecken und sprachfähig zu machen, ist für mich das Schönste.“ Und dass Anne Schrader dies auf eine sympathische Art und Weise schafft, diese Rückmeldung geben ihr die Jugendlichen immer wieder. „Sie lassen sich auf mich ein und ich spüre Wertschätzung. Die Jugendlichen haben sich sehr für diese Stelle eingesetzt. Und auch gefreut, als ich ihnen sagte, dass ich mich darauf beworben habe“, ergänzt Anne Schrader grinsend, die bereits seit mehr als drei Jahren Pastorin in Einbeck ist und neben der Jugendkirche Marie auch für den Bezirk West in Einbeck und die Kirchengemeinde Hullersen zuständig.

In die Jugendarbeit habe sie sich „von Anfang an ein bisschen eingeschlichen.“ Denn sie hat sich gleich an der KUF, der Konfirmandenunterrichtsfreizeit, beteiligt, die jährlich im Frühjahr mit etwa 170 Konfirmanden aus dem kompletten Leinekreis stattfindet. „Wir begleiten und reflektieren. Denn Jugendkirche wird immer mit der Jugend gemacht und nicht nur für sie. Und das macht richtig, richtig Spaß!“

Im Grundschulalter wollte Anne Schrader nie den Beruf ihres Vaters ergreifen: Pastor. „Ich fand es blöd, dass mein Vater ständig unterwegs war. Gut, wir konnten immer alle zusammen zu Mittag essen – es hatte also auch Vorteile. Aber früher habe ich sehr mit meinem Glauben gehadert und angezweifelt, warum es so viel Leid auf der Welt gibt, wenn da doch ein liebender Gott sein soll.“ Als sie in Berlin Lehramt studierte, hat Anne Schrader gemerkt, dass Gott sie nie losgelassen hat. „Aus dem kindlichen Glauben wurde ein erwachsener Glaube. Ich bin mit vollem Herzen Pastorin“, ergänzt die Einbeckerin.

Doch was machen die Jugendlichen in Einbeck nun mit ihrer eigenen Pastorin? „Das ist nun die Frage und wir sind noch immer etwas in der Findungsphase“, resümiert Anne Schrader. Geplant sind künftig ein regelmäßiger Treff, Filmabende unter einem bestimmten Motto und verschiedene Aktionen mit Bildungsangebot. „Die Jugendlichen sind super wissbegierig, möchten immer dazulernen und investieren viel in ihre ehrenamtliche Arbeit“, lobt sie. Langeweile kommt jedenfalls nie auf, denn in der Jugendkirche ist immer etwas los. Direkt nach den Sommerferien die Vorbereitung zur Mitarbeiterschulung, kurz Masch, bei der im Oktober in Fürstenberg 54 Jugendliche teilnahmen. Und natürlich die KUF, deren Vorbereitungszeit bereits angelaufen ist. Aktuell steht wieder das jährliche Wintermärchen an, diesmal Dornröschen. Drei öffentliche Vorstellungen, sechs unter der Woche in den Schulen. „Und das alles in der Freizeit der Jugendlichen – Hut ab!“, findet die Pastorin.

Im Laufe der Zeit möchte noch mehr kirchliche Anknüpfungspunkte für junge Leute anbieten. „Kirche muss sich öffnen: Wie sieht junge Kirche aus? Wen haben wir da und was braucht dieser Mensch – besonders die Zielgruppe Mitte 20 bis Mitte 40, die in Arbeit ist und wenig Zeit hat. Um sich einzubringen ist ganz wenig Zeit, deshalb sollten wir anfangen, projektbezogener zu denken“, findet Anne Schrader. Und sie möchte in Kooperation mit der Theologischen Fakultät in Göttingen untersuchen lassen, warum die Jugendkirche in Einbeck von den Jugendlichen so gut angenommen wird. „Wieso funktioniert es hier und was genau ist es, das diese Kirche von anderen Angeboten unterscheidet? Wir möchten das Konzept und die Inhalte durchleuchten und die Erfolge auf andere Kirchengemeinden übertragbar machen“, wünscht sich Anne Schrader. Ihre Begeisterungsfähigkeit steckt an – der Meinung sind auch ihre Jugendlichen. Es wird spannend, was sie gemeinsam bewegen können. Denn Jugendkirche ist bekanntlich eine Kirche von Jugendlichen für Jugendliche.

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Adventsliedersingen mit Fritz Baltruweit

am Sonnabend, 9.12., 17.00 Uhr, in der Michaeliskirche Hildesheim


Zum Adventsliedersingen für die ganze Familie mit Fritz Baltruweit lädt das Michaeliskloster am Sonnabend, 9.12., von 17.00 – 19.00 Uhr in die Hildesheimer Michaeliskirche ein.

Beim gemeinsamen Singen der alten und neuen Advents- und Weihnachtsliedern aus acht Jahrhunderten im festlich erleuchteten Kirchenschiff der Michaeliskirche entsteht eine ganz besondere vorweihnachtliche Stimmung.
Die Einladung und Moderation durch Fritz Baltruweit machen es leicht, in die bekannten und unbekannteren Advents- und Weihnachtslieder einzustimmen. Während die kleinen Besucher beim Lied „In der Weihnachtsbäckerei gibt es manche Kleckerei“ aus vollen Kehlen mitsingen, lassen sich die Älteren von den zarten Harfenklängen und von „Benedicamus Domino“ gefangen nehmen.

Diesmal mit dabei ist die inzwischen erwachsene Solistin des ehemaligen „Engel-Kinder-Chor“ Michaelis 2010, Pia Lütke. Die Harfenistin Konstanze Kuß aus Hamburg und der Pianist Valentin Brand aus Hildesheim geben dem Singen die adventlich-instrumentale Note.

Gelegenheit, den Kreuzgang des Michaelisklosters im Kerzenschein zu erleben und einen heißen Kakao oder Glühwein mit Blick auf die mittelalterlichen Gewölbe zu trinken, gibt es in der Pause, in der die Tagungsstätte leckeres Gebäck und warme Getränke anbietet.

Die Reihe des geöffneten Kreuzgangs im Michaeliskloster – „Der Kreuzgang voller Musik und Licht: Neue spirituelle Erfahrung in alten Steinen“ findet mit dem Adventsliedersingen zum 56. Mal statt. Sie wird seit Anfang des Jahres 2006 durchgeführt. Seit der grundlegenden Restaurierung des Kleinods gotischer Baukunst im Jahre 2004 ist wieder ein ungehinderter Blick auf die Säulen, Bögen und Kapitelle möglich.  

Der Eintritt ist frei.



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Bild: hmh

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Bild: Helmut Langenbruch

Adventsmusik bei Kerzenschein

in St. Michaelis, Hildesheim

Am 1. Adventssonntag, dem 3. Dezember 2017 um 17 Uhr laden Bläserkreis und Posaunenchor St. Michael zur traditionellen „Adventsmusik bei Kerzenschein“ ein. In der über 1000 Jahre alten Hildesheimer Basilika, UNESCO-Weltkulturerbe seit 1985, werden Kerzen für eine stimmungsvolle Beleuchtung sorgen. Unter der Leitung von Helmut Langenbruch erklingen Adventslieder zum Mitsingen und vorweihnachtliche Musik zum Lauschen. Zwischen den Musikstücken liest der Pastor der Michaelisgemeinde, Dirk Woltmann, eine adventliche Geschichte.

Der Eintritt zur Adventsmusik ist – wie immer – frei. Um eine Kollekte wird am Ausgang gebeten.


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Im Fahren aufgesprungen

Mirko Peisert über die Herausforderungen seines ersten Jahres als Superintendent in Hildesheim

Vor einem Jahr hat Mirko Peisert seine Arbeit als Superintendent des Kirchenkreises Hildesheim-Sarstedt aufgenommen. Im Interview berichtet der 44-Jährige, wie er in Hildesheim angekommen ist, welche Aufgaben gleich zu Beginn zu bewältigen waren – und wie es nun weitergehen soll.

Was waren die größten Herausforderungen, Herr Peisert?

Die erste: Ich hatte mir vorgenommen, möglichst schon in den ersten Wochen alle Hauptamtlichen und möglichst viele Gottesdienste in den Kirchen des Kirchenkreises zu besuchen – und auch die Kitas des Kirchenkreises. Das war ein Marathon, der sehr anstrengend war, aber auch viel Spaß gemacht habe. Die zweite Herausforderung: So ein Kirchenkreis ist ja ein großer Betrieb. Wie ein fahrender Zug, der nicht anhält für mich. Ich bin im Fahren aufgesprungen, in die laufenden Prozesse hinein und musste mich dort schnell einarbeiten. Aber ich glaube, mittlerweile ist es gelungen, dass ich mitsteuere und nicht mehr nur zugucke.

Gab es Probleme, mit denen sie nicht gerechnet hatten?

Ja, es gibt ungeheuer viel Bewegung. Pastoren verlassen den Kirchenkreis, Pastorinnen kommen, Kita-Leitungen werden verabschiedet, neue kommen. Das hätte ich so nicht gedacht. Diese Neuanfänge und Abschiede zu gestalten, das ist eine Herausforderung.

Sie mussten auch ihre Stellvertreterin Andrea Burgk-Lempart verabschieden, die nun als Superintendentin in Celle eingeführt worden ist. Wer übernimmt die Nachfolge?

Ganz frisch wurde Pastorin Christiane Schiwek aus Sarstedt als neue stellvertretende Superintendentin gewählt.

Darüber hinaus gab es große Themen wie die Zukunft des Literaturhauses St. Jakobi, das auf der Kippe stand und gerettet werden konnte, die Erweiterung des Kirchenkreisverbands um den Kirchenkreis Peine, das Reformationsjubiläum...

...das Hochwasser in der Kita Marienburg.

Das alles kam oben drauf – oder ist das der Alltag eines Superintendenten?

Ich habe den Eindruck, dass es der Alltag ist. Es wird also nie langweilig, es kommen immer neue Überraschungen.

Was fehlte in der Aufzählung?

Das Gebäudemanagement beschäftigt uns gerade sehr.

Das heißt: Welche Gebäude behalten wir, welche geben wir ab?

Genau darum geht es. Wir brauchen einen neuen Plan, wie wir unsere Gebäude langfristig finanzieren können und wollen. Das ist mit tiefgreifenden Veränderungen verbunden. Ein anderes wichtiges Thema ist die Kommunikation. Im Sommer haben wir eine neue Internet-Seite bekommen, die mir sehr gut gefällt. Und im Moment sind wir dabei, ein neues Corporate Design für den Kirchenkreis zu erstellen.

Wozu braucht der Kirchenkreis so etwas?

Aus meiner Sicht sind wir ein starker und kreativer Kirchenkreis, und das soll durch ein passendes Design auch für die Öffentlichkeit sichtbar werden. Parallel dazu nehmen wir an einem extern moderierten Prozess teil, wo wir uns anschauen, wie unsere interne Kommunikation läuft: Welche Gremien haben wir und welche Gremien brauchen wir wirklich? Und wie arbeiten sie zusammen oder auch nicht? Wie können wir die Vernetzung besser machen?

Apropos Gremien: Im kommenden März stehen die Kirchenvorstandswahlen ins Haus. Es wird immer schwieriger, Menschen zu finden, die sich für immerhin sechs Jahre zur Verfügung stellen. Ist das System überhaupt noch zeitgemäß?

Ich bin ja auch Mitglied der Landessynode. Da gab es die Debatte um eine Reformierung des Wahlsystems. Ich bin sehr dafür. Das Wahlsystem, das wir jetzt haben, entspricht nicht mehr unserer allgemeinen kirchlichen Realität. Das muss neu gedacht werden. Für diese Wahl war das nicht mehr zu schaffen, aber ich denke, die nächste wird in anderer Form stattfinden.

Schon Luther hatte gefordert, dass die Kirche sich ständig erneuern müsse. Tut sie das in ausreichendem Maße?

Ich finde, Sie verändert sich an vielen Stellen. Ich würde mir wünschen, dass manchmal weniger Beharrungskräfte da wären, und mehr Experimentierfreude wünschen. Ein Beispiel: Bis auf eine Kirchengemeinde feiern alle in Hildesheim um 10 Uhr Gottesdienst. Ich fände es ein Leichtes, da etwas zu ändern.

Wenn Sie einen Wunsch für Ihre Arbeit oder den Kirchenkreis frei hätten, wie sähe der aus?

Tatsächlich ist es für mich ein großer Wunsch, dass es gelingt, im nächsten Jahr in allen Kirchengemeinden wieder gute und handlungsfähige Kirchenvorstände zu bekommen. Die Wahlen sind wirklich ein neuralgischer Punkt.

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Mirko Peiserts Wunsch für das nächste Jahr: „Gute und handlungsfähige Kirchenvorstände.“

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Bild: Privat

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Kirchliche Freizeiten sind beliebt und bieten Chancen

Diakoninnen und Diakone des Sprengels Hildesheim-Göttingen diskutierten Bindungskräfte evangelischer Freizeitangebote

Themengebundene Reisen werden für junge Menschen, für Familien und Senioren immer attraktiver. Im Urlaub steht nicht nur Erholung für den Körper an, sondern auch Anregung für den Geist. „Leib und Seele“ anzusprechen ist seit eh und je im Fokus evangelischer Freizeitangebote. Die Bandbreite reicht dabei von der Jugendgruppenfahrt bis zur Seniorenreise. Allen kirchlichen Freizeitfahrten ist gemein, dass sie Möglichkeiten bieten, Kirche und Glauben in neuer Umgebung und in anderen Zusammenhängen zu erleben. Für manchen ist das Motivation, den Weg ganz neu in die Kirchengemeinde vor Ort zu finden. Für viele sind positive Erinnerungen an kirchliche Jugendfahrten spätere Anknüpfungspunkte für religiöse Bindung im Erwachsenenleben.

Die langfristige Wirkung kirchlicher Freizeiten wurde bei der Tagung der Diakoninnen und Diakone des Sprengels Hildesheim-Göttingen unterstrichen. Sie fand Mitte November im Gemeindehaus der Michaeliskirchengemeinde Hildesheim statt. Diakoninnen und Diakone arbeiten an den Schnittstellen von Kirchengemeinde, Öffentlichkeit und Sozialer Arbeit. Die Sozial- und Religionspädagogen sind das soziale Fachpersonal der evangelischen Kirche. Regelmäßiger Austausch und Fortbildung gehören dazu. Der diesjährige Fachkonvent beleuchtete unter der Überschrift „Freizeiten –befristet anders leben“ Perspektiven von Kirche und Ferienfreizeiten für Südniedersachsen.

Kirchliche Sommerreisen oder die mit Freunden verbrachte evangelische Jugendfahrt sind prägend. Neben Konfirmandenunterricht gehören sie, inklusive Nachtwanderung und Lagerfeuer, zu den grundlegenden Jugenderfahrungen. Aber auch Erwachsene nutzen gern Freizeitangebote der Kirche. So bekannt und nachgefragt die Formate sind, so wenig sind sie bisher auf längerfristige Wirkungen untersucht worden. In der Nordkirche hat ein Forschungsprojekt im Jahr 2016 nun die Bindungskräfte und Nachhaltigkeit kirchlicher Freizeiten unter die Lupe genommen. Dr. Cora Herrmann, Sozialwissenschaftlerin und Dozentin für Soziale Arbeit, stellte die Ergebnisse der Studie den Diakoninnen und Diakonen vor. Die qualitativen Befragungen hätten eindeutig belegt, so die Hamburger Forscherin, dass es in kirchlichen Jugendfreizeiten gelingen könne, religiöse Grundsteine zu legen, zu denen es im Verlauf des Lebens Rückbezüge gebe. Für die in Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern befragten Jugendlichen war klar, dass Kirche erst auf einer Freizeitfahrt attraktiv werde. Da wo Gottesdienste im Rahmen der Freizeiten angeboten werden, gehörten sie zu Freizeiten dazu, so die einhellige Meinung der jungen Leute. Spaß mache das Gottesdienstfeiern, wenn viele junge Menschen zusammen seien, es moderne Musik und neue Lieder und die Möglichkeit der aktiven Mitgestaltung gebe. Kirche zeige sich dann lebensfroh und begeisterungsfähig. An solch positive Erinnerungen müsse im Erwachsenenleben angeknüpft werden, so der Appell der Sozialwissenschaftlerin. Anmerkungen aus dem Plenum sahen Herausforderungen. Eine Freizeit am anderen Ort sei eben nicht die Zeit zu Hause vor Ort. Kirche sehe in der Alltagswirklichkeit anders aus als in Ferien und Urlaub.

Landessuperintendent Eckhard Gorka moderierte die Tagung. Für ihn ergeben sich aus den Ergebnissen der Nordkirche spezifische Chancen für die Jugendarbeit in seinem Sprengel. So gebe es einige Kirchen, die mit Kirchenraum und Angeboten sich speziell an junge Menschen richteten. Gerade mit ihnen reagiere Kirche auf die Anliegen und die Anfragen der jungen Generation. Die Projekte müssten aber immer den Spagat schaffen, „immer auf’s Neue eine junge Generation anzusprechen.“ Er begrüße sehr, dass es beispielsweise im Kirchenkreis Leine-Solling drei Jugendkirchen gebe. „Ich bin sehr neugierig, wie sich das weiterentwickelt“, so der leitende Geistliche.

Für die Männerarbeit in der hannoverschen Landeskirche sind Freizeiten mit altersgemischten Gruppen seit langem selbstverständlich, so Horst Büshel. Er ist Diakon und Referent für die Arbeit mit Älteren im Haus kirchlicher Dienste. Fahrten mit Großvätern und Enkeln seien beispielhaft. Ermöglichten sie doch Austausch zwischen den Generationen. Wichtig für das Miteinander von Jung und Alt gerade in Blick auf die Zukunft der Kirche. Neben die altersübergreifende Perspektive trat der Blick auf internationale Kontakte. Hierfür machte Benjamin Holm Werbung. Er unterstützt als Referent der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch, eine öffentlich-private Einrichtung von Bundesfamilienministerium und Wirtschaft, den Austausch mit Russland. Holm brach eine Lanze, Russland neu zu entdecken. Bei der Partnersuche sei die Stiftung behilflich. Öffentliche Fördergelder könnten dort beantragt werden und stünden ausreichend zur Verfügung. Trotz der Unstimmigkeiten auf großer politischer Bühne gelte es, Begegnungen und gemeinsames Lernen auszubauen, so der Osteuropaexperte. Nur so könnten Vorurteile abgebaut werden. Russland sei zudem ein Land großer Gastfreundschaft, die junge Generation neugierig und sehr interessiert an Kontakten zu Deutschland.

Einen Blick über den Tellerrand warfen die Diakoninnen und Diakone gemeinsam mit André Lang aus Steina. Er ist Landesjugendfeuerwehrwart der Niedersächsischen Jugendfeuerwehr und vertritt die fast 40.000 Kinder und Jugendlichen in den Freiwilligen Feuerwehren zwischen Harz und Nordsee. 2018 veranstalten die Jugendfeuerwehren wieder ihr Landeszeltlager. Mit fast 3000 Teilnehmenden, die zu Beginn der Sommerferien für eine Woche in einer Zeltstadt bei Wolfshagen im Harz zusammenkommen, ist es eine der größten Freizeitmaßnahmen für Jugendliche in Niedersachsen. Dass es fast ausschließlich ehrenamtlich organisiert und verantwortet wird, fand breite Anerkennung beim kirchlichen Fachpublikum und bei Eckhard Gorka.

Der Landessuperintendent freute sich über die vielfältigen Aspekte der Tagung und über die sozialwissenschaftlich erhärteten Ergebnisse der Fachstudie: „Kirchliche Fahrten – egal ob altersübergreifend oder zielgruppenspezifisch - sind wichtig. Dass die Nordkirchenstudie die gute Arbeit der Diakoninnen und Diakone belegt und die nachhaltige Wirkung von Ferienfahrten hervorhebt, ist auch für uns in der hannoverschen Landeskirche wichtig. Wir setzen mit unseren vielfältigen Freizeitangeboten Eckpfeiler, an denen Menschen im späteren Leben Ankerpunkte zu Kirche und Gemeindeleben finden. Das müssen wir uns vor Ort in den Kirchengemeinden und auch in den Kirchenleitungen noch viel stärker bewusst machen.“



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Bild: Helge Meyn-Hellberg

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200.000 Euro für das Literaturhaus

Landeskirche fördert St. Jakobi erneut als „Signifikante Kulturkirche“

Hildesheim. Die finanzielle Zukunft des Literaturhauses St. Jakobi Hildesheim steht für die nächsten vier Jahre auf einem sicheren Fundament. Die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers und die Hanns-Lilje-Stiftung fördern zum zweiten Mal St. Jakobi als „Signifikante Kulturkirche“ mit insgesamt 200.000 Euro. Neben dem Hildesheimer Literaturhaus werden die Pauluskirche Bremerhaven, die Kulturkirche St. Johannis in Buchholz und die Apostel- und Markus Kirchengemeinde Hannover in derselben Höhe unterstützt.

„Das ist für die Kirchen eine besondere Auszeichnung! Allen Kirchen gemeinsam ist die professionelle und engagierte Zusammenarbeit mit nicht-kirchlichen Einrichtungen. Damit sind die Weichen dafür gestellt, dass sich unsere Kirche noch intensiver an gesellschaftlich-kulturellen Prozessen beteiligt und gestaltend einbringt“, so Prof. Dr. Christoph Dahling-Sander, Geschäftsführer der Hanns-Lilje-Stiftung.

Dirk Brall, Intendant des Literaturhaus St. Jakobi, will das Geld ins Programm, in die Infrastruktur und die Öffentlichkeitsarbeit investieren. Außerdem wird damit die Stelle von Projektmanagerin Sarah Sophia Patzak für die nächsten vier Jahre abgesichert. „Ich finde, es ist auch eine Auszeichnung für die Arbeit, die in den letzten vier Jahren gewachsen ist“, so Brall. „Ich freue mich sehr und ich bin auch erleichtert.“

Die erneute Förderung – auch die ersten vier Jahre waren Teil des Kulturkirchen-Programms der Landeskirche – biete die „Grundlage für ein weiteres spannendes inhaltliches Programm in Jakobi“, kommentiert Hildesheims Superintendent Mirko Peisert. „Dirk Brall hat mit seinem Team in den vergangenen Jahren eine großartige Arbeit geleistet. In wenigen Jahren ist eine weit über Hildesheim hinaus anerkannte kirchliche Kultureinrichtung entstanden. Ich finde die Förderung absolut verdient.“

Die Hausaufgabe für die kommenden Jahre sei es nun, die Arbeit an St. Jakobi langfristig abzusichern, sagt Dirk Brall. Aktuell sei er mit dem Feinschliff für die zweite Spielzeithälfte beschäftigt. Noch könne er aber über die geplanten Gäste nichts verraten. Brall: „Die großen Namen sind noch nicht ganz fix.“

Die letzte Lesung vor der Winterpause gestaltet die Bestseller-Autorin Mariana Leky mit Kevin Kuhn am 7. Dezember. Am 15. Dezember startet die neue Reihe „stimmlabor“, ein offenes Singen unter professioneller Anleitung. Mit dem „rastplatz“ am Heiligabend und der musikalischen „zugabe“ am 27. Dezember klingt das Jahr aus. Nähere Infos: www.stjakobi.de

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Bild: Privat

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„Ein Triumph der Werbung“

Historiker Dr. Hartmut Lehmann zieht in St. Michaelis-Kirche eine kritische Bilanz des Reformationsjubiläums

Prof. Dr. Hartmut Lehmann war Direktor am Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen und ist Honorarprofessor an den Universitäten Kiel und Göttingen. Der 81-Jährige ist Experte für Neuere Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Religions- und Sozialgeschichte. In der Hildesheimer Michaelis-Kirche setzte er den Schlusspunkt einer Vortragsreihe zum Reformationsjubiläum und wagte eine kritische Bilanz. Im Interview erklärt er, woran es in der Luther-Dekade gemangelt hat.

KultundKom: Herr Lehmann, das sogenannte Luther-Jahr geht zu Ende. Wie haben Sie das Reformationsjubiläum erlebt?

Lehmann: Wir sollten uns vor Augen halten, dass wir eigentlich von einer ganzen Dekade sprechen müssen. Seit zehn Jahren hat die Kirche kontinuierlich auf dieses 2017 hingearbeitet. Aber zu Ihrer Frage: Ich habe ein Problem mit der Konzentration auf Luther.

KultundKom: Was stört Sie daran konkret?

Lehmann: Die Reformation war viel zu umfassend, um sie auf eine Person zu verengen. Zumal die reformatorische Bewegung ohnehin ein großes Ensemble von Akteuren vereinte und benötigte. 1521 war Luther vom Kaiser gebannt, geächtet. Er konnte sich nicht mehr frei bewegen. In vielen Landesteilen war er schlicht nicht präsent. Nach Hildesheim hat beispielsweise Johannes Bugenhagen die Reformation gebracht. Außerdem war Luther eine komplexe, eine ambivalente Figur. Er hat viel Gutes getan. Die Bibelübersetzung, seine Lieder, den Katechismus. Dem gegenüber stehen aber auch seine maßlos überzogene Papstkritik, der Streit mit Erasmus von Rotterdam, der viele Humanisten von der Reformation entfremdet hat, sowie seine Reden gegen die Bauern, gegen die Türken und gegen die Juden.

KultundKom: Zumindest letzteres wurde im Laufe dieses Jahres thematisiert.

Lehmann: Schließlich war es auch das erste Jubiläum nach dem Holocaust. Da muss die Frage gestellt werden, wie diese beiden Erinnerungskulturen sinnvoll miteinander verbunden werden können.

KultundKom: In den vergangenen Jahren ist Erinnerungskultur allerdings eher zum Reizwort geworden.

Lehmann: In Süddeutschland hat die NPD mit Luther Wahlwerbung gemacht. Die Behauptung, dass Luther NPD gewählt hätte, ist aber absolut nicht zutreffend. Trotzdem hatte der Mann seine dunklen Seiten. In ihrer Gesamtheit haben die jedoch während dieses Jubiläums keine Rolle gespielt. Allgegenwärtig war das Bild des gemütlichen Kirchenvaters.

KultundKom: Dagegen könnte man argumentieren, dass gerade ein so umfassendes, weitreichendes und komplexes Thema wie die Reformation ein menschliches Antlitz braucht, um den Menschen begreifbar zu bleiben.

Lehmann: Das war die Argumentation der Werbeleute. Das Ergebnis war jedoch Luther-Kitsch. Lustig, belanglos, trivialisierend. In dieser Hinsicht ein Triumph der Werbung. So war das Reformationsjubiläum vor allem Tourismusförderung. Die entsprechenden Reden gab es im Bundestag. Das hatte selbstverständlich nicht nur negative Folgen. Die eigentlichen Reformationsstätten sind in diesem Zuge wunderbar restauriert worden. Aber die Förderung floss fast ausschließlich nach Deutschland. Auch die Freikirchen sind nicht in angemessener Weise eingebunden worden.

KultundKom: Die Fokussierung auf die Person Luther, die Kooperation von Staat und Kirche während des Jubiläums und schließlich die Bezeichnung der zurückliegenden Dekade als „Dekade der Freiheit“ sind dementsprechend die Schwerpunkte Ihres Vortrags in Hildesheim. Wie hoffen Sie, dass die Zuhörer danach aus der Michaelis-Kirche gehen?

Lehmann: Sie sollen nachdenken, was diese zehn Jahre für sie bedeutet haben. Und weiterdenken.

KultundKom: Wenn Sie selbst weiterdenken, in welche Richtung sollte sich die Kirche beziehungsweise sollten sich die Kirchen weiterentwickeln.

Lehmann: Ich bin Historiker, kein Kirchenpolitiker. Ich persönlich finde es jedoch sinnvoll, was der EKD-Vorsitzende Heinrich Bedford-Strohm und Reinhard Kardinal Marx auf den Weg gebracht haben – unter anderem beim gemeinsamen Gottesdienst in Hildesheim –, nämlich die Besinnung auf die Ökumene. Ich denke, die Überwindung der Spaltung ist wichtig und, dass sich die beiden Kirchen verzeihen.

Interview: Björn Stöckemann

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Bild: Stöckemann

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Wie die Reformation nach Hildesheim kam

Neues Buch über das Wirken Bugenhagens schließt Lücken und liest sich streckenweise wie ein Krimi

Hildesheim hat eine Bugenhagenstraße, einen Bugenhagenbrunnen, sogar eine Bugenhagen-Hochschule. Doch nur die wenigsten wissen, wer dieser Mann war und welche Bedeutung er für die Reformation hatte. Der Name Luther überstrahlt alles. Doch nach Norddeutschland – und sogar bis nach Dänemark und Norwegen hinauf – kam die Reformation durch Johannes Bugenhagen. Im Jahr 1542, also 25 Jahre nach Luthers Thesen-Veröffentlichung in Wittenberg, auch nach Hildesheim. Der neueste Band in der Schriftenreihe des Hildesheimer Heimat- und Geschichtsvereins füllt nun die Lücken.

Unter der Überschrift „Glaube sucht Ordnung – Hildesheim wird evangelisch“ erzählen die Autoren über diese turbulente Epoche und wie sie bis heute nachwirkt. Man sollte sich von dem etwas sperrigen Titel nicht täuschen lassen. Das 200-seitige Werk liest sich über weite Strecken wie ein Krimi. Politik und Religion trafen vor rund 500 Jahren vehement aufeinander, persönliche Interessen mischten sich hinein, Kriege verlangsamten die Entwicklung und beschleunigten sie wieder.

Als sich die Historikerin Barbara Meyer-Wilkens und die beiden Pädagogen Jürgen Oesterley und Ulrike Banafsche vor fünf Jahren an die Arbeit machten, ging es ihnen erst einmal darum, etwas längst Überfälliges nachzuholen: Sie wollten die Kirchenordnung, die Johannes Bugenhagen im September 1542 für Hildesheim geschrieben hat, aus dem mittelniederdeutschen Original ins heutige Deutsch übersetzen und damit der Allgemeinheit zugänglich machen.

Alle drei sind keine Sprachwissenschaftler und betonen, dass sie keinen wissenschaftlichen Anspruch erheben. In jahrelanger Arbeit und über mehrere Versionen näherten sie sich dem Text, wobei Ulrike Banafsche mit der Übersetzung des Vorworts von Antonius Corvinus die schwierigste Aufgabe zu meistern hatte. Eine große Hilfe war, dass sie im Internet ein vollständiges mittelniederdeutsches Wörterbuch entdeckte. Trotzdem gab es Probleme, die viel Zeit kosteten – etwa, wie das schlichte Wort „berichten“ zu verstehen sei. „Da haben wir uns richtig die Köpfe heiß geredet“, erzählt Barbara Meyer-Wilkens. Schließlich fand das Trio heraus, dass damit „belehren“ gemeint war. Mit der Arbeit an der Übersetzung sei die Faszination für Bugenhagen immer mehr gewachsen, sagt die Historikerin: „Man hat den Eindruck, er hat einfach an alles gedacht.“

Der Reformator legte nicht nur fest, worauf die Prediger im Gottesdienst zu achten hatten, sondern gab auch praktische Anweisungen für den Umgang mit Hospitälern, Hebammen, Armenfürsorge, Ehebruch, Prostitution und in besonders großem Umfang mit dem Schulunterricht – bis hin zu der Frage, wie viel ein Lehrer verdienen sollte. „Seine Leistung ist unglaublich“, staunt Jürgen Oesterley. Ulrike Banafsche ergänzt: „Heute würde man sagen: Er war breit aufgestellt.“

Die Kirchenordnung allein ist schon lesenswert, auch für Menschen ohne ausgeprägt christliches Interesse, weil sie viel über das Hildesheimer Leben im 16. Jahrhundert aussagt. Hinzu kommen spannende Artikel über das zeitliche Umfeld, über wichtige Hildesheimer Persönlichkeiten und Bugenhagens Biografie, die so klingt, als könnten kaum zwei Leben ausreichen, um all das zu bewerkstelligen, was er erreicht hat. Immer wieder wurde Bugenhagen, der eigentlich in Wittenberg Pastor war und an der Universität lehrte, vom sächsischen Kurfürsten an andere Städte „ausgeliehen“, um dort die Reformation voranzutreiben.

Auch das reichte Banafsche, Oesterley und Meyer-Wilkens noch nicht, sie wollten zusätzlich einen Bogen in die Gegenwart schlagen. Dafür holten sie sich weitere Autoren ins Boot: Der ehemalige Superintendent Helmut Aßmann fragt sich, ob die Couch dem Beichtstuhl vorzuziehen sei; Jochen Arnold, der Direktor des Michaelisklosters, hört Musik als Gottesklang; Johannes Köhler widmet sich der Marienverehrung; der inzwischen gestorbene Hermann Radvan, ursprünglich Mitinitiator des Projekts, schreibt über den „Bildersturm“ während der Reformation; Landessuperintendent Eckhard Gorka sagt, was es mit einer Ordination auf sich hat; Kurt Giesing hält ein Plädoyer für die alten Sprachen Latein und Griechisch – um nur einige Beispiele zu nennen.

Zusammen ergeben die Texte das facettenreiche Bild eines Ereignisses, das Hildesheim bis in die Gegenwart prägt – weitaus stärker, als man es bis dato wahr- und annehmen konnte. Ralf Neite

Glaube sucht Ordnung – Hildesheim wird evangelisch. Anmerkungen zu Bugenhagens Kirchenordnung. Veröffentlichungen des Hildesheimer Heimat- und Geschichtsvereins, 200 Seiten, ISBN 978-3-8067-8821-1, 19,95 Euro.

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Jürgen Oesterley, Ulrike Banafsche und Barbara Meyer-Wilkens haben das Buchprojekt in jahrelanger Arbeit realisiert. Foto: Moras

Lucas von Cranach portraitierte Luther im Kreis der Reformatoren – Bugenhagen gleich rechts hinter ihm.

Bild: Moras

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Gemeindebriefpreis: Erster Platz für das Magazin der Göttinger Innenstadtgemeinden

"Es wird auch mal leidenschaftlich hier“ - Gemeindemagazin hinter den Kulissen

„Kirche für die Stadt“ nennt er sich, der Gemeindebrief der Göttinger Innenstadtgemeinden. Mit einem Sonderthema pro Quartal: Kirche und Staat, Organspende, Reformation, Einsamkeit – zahlreiche kirchennahe, gesellschaftlich-ethische, aber auch seelsorgerliche Schwerpunkte standen bereits auf der Agenda und wurden teilweise sogar strittig diskutiert. „Ja, es wird auch mal leidenschaftlich hier“, gibt Pastor Martin Hauschild zu. Er ist bei der heutigen Redaktionssitzung in der Rolle des Chefredakteurs anzutreffen und hat mittels Laptop und Beamer die zu besprechende Version des nächsten Gemeindemagazins an die Wand projiziert. „Ich meine wir sind etwas textlastig diesmal“, stellt Hauschild selbst fest und sein Stellvertreter, Pastor Harald Storz, pflichtet ihm bei: „Richtig. Stimmung erzeugt man über Bilder, nicht über Worte.“ Also wird hier noch ein Foto versetzt und dort noch ein Bild vergrößert. Was diese Themen angeht, gibt es eine Fachfrau im Bunde: Die Fotografin Katrin Benary, die sich ehrenamtlich für den Gemeindebrief engagiert. „Das bereitet mir riesigen Spaß – es ist ein tolles Heft!“, schwärmt die Göttingerin. Und erntet gleich ein Lob ihres Redaktionskollegen Wilfried Bergau-Braune: „Es ist schon etwas Besonderes, eine Fotografin im Team zu haben. Wir werden oft für unsere erstklassigen Bilder und Fotoideen gelobt.“ Dass man auch mal anecke, gehöre dazu. „Im Gegenteil: Wir freuen uns, Diskurse zu prägen und anzuschieben. Denn wir möchten kirchliche Themen mit einem breiten Medium an die Öffentlichkeit tragen“, sind sich die neun Redaktionsmitglieder einig, die bei diesem Treffen im St. Albani-Gemeindehaus dabei sind. Vier sind heute verhindert. Kein Problem, denn pro Ausgabe finden drei Treffen statt. „Wir sehen uns also ein Mal im Monat für zwei Stunden. Ab 20 Uhr und um 22 Uhr ist Schluss“, erklärt Christian Schräder, der sich im Lektorat engagiert. Sowieso setzt sich hier jeder mit seinen individuellen Stärken ein. „Jeder macht das, was er gut kann – bis zum fertigen Layout“, erklärt Storz. Das allerdings wird von einer Grafikagentur übernommen. Seit dem Gründungsjahr 2012 sind inzwischen 21 Ausgaben des Gemeindemagazins erschienen. „Dabei stehen wir  hier in Göttingen in Konkurrenz zu vielen anderen bunten Stadtmagazinen. Und genau das ist unser Anspruch: Wir können es mit den anderen Blättern aufnehmen“, ist sich das Team einig. Dass auch Menschen das Magazin lesen, die keiner der sechs Gemeinden angehören, komme auch vor. „Mich sprach schon ein Mann an, der das Blatt dennoch von A bis Z liest“, berichtet Julia Beyer. Und Eva Hildermeier ergänzt: „Oder die Kioskbesitzerin, die regelmäßig fragt, wann denn das nächste Heft erscheint.“ Nicht nur die Redaktionsmitglieder haben dank ihres gemeindeübergreifenden Magazins die Möglichkeit, über den Tellerrand ihrer eigenen Gemeinde hinauszuschauen. „Das Kalendarium wird zum Beispiel sehr geschätzt und ist ein Riesenvorteil“, finden die Göttinger. Nicht ohne Grund ist genau diese Redaktion unter den zehn Preisträgern des Gemeindebriefpreises, der in diesem Jahr in dieser Form das erste Mal von der Evangelischen Landeskirche Hannovers vergeben wurde. Natürlich hat diese besondere Auszeichnung ebenfalls einen Platz in der nächsten Ausgabe von „Kirche für die Stadt“ erhalten...

Kirche für die Stadt“ ist ein vierteljährlich erscheinendes, kostenloses Magazin mit einer Auflage von 13.000 Stück der sechs zwischen dem Göttinger Hainberg und Leineberg gelegenen evangelisch-lutherischen Kirchengemeinden St. Albani, St. Jacobi, St. Johannis, St. Marien, Corvinus und Thomas. Das Magazin informiert und berichtet über aktuelle kulturelle, soziale, spirituelle und ethische Themen aus evangelischer Sicht. Es vermittelt eine Übersicht über das gemeinnützige und kulturelle Programm der sechs Kirchengemeinden. Alle Inhalte werden von einem 13-köpfigen Team aus hauptamtlichen und ehrenamtlichen Redaktionsmitgliedern erstellt. Die Zielgruppe sind Interessierte Menschen aller Altersgruppen. Das Magazin wird durch ehrenamtliche Helfer direkt in Haushalte der Innenstadt-Kirchengemeinden verteilt und liegt in Kirchen sowie ausgesuchten öffentlichen Einrichtungen und Geschäften aus. Herausgeber sind die sechs genannten Kirchengemeinden, die ihr Gemeindemagazin sogar auf einer eigenen Homepage präsentieren: www.kirchefuerdiestadt.wir-e.de
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Bild: Mareike Spillner

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